Empathie ist in der Psychotherapie ein vertrautes Wort. Doch die Emotionsfokussierte Therapie (EFT) nach Sue Johnson geht noch einen Schritt weiter. Sie spricht von „relentless empathy“ – einer unerschütterlichen Empathie, die bleibt, auch wenn es schwierig wird. Eine Haltung, die zeigt: Verbindung ist möglich, selbst in Momenten von Schmerz, Wut oder Rückzug.

Was damit gemeint ist

„Relentless empathy“ beschreibt die Fähigkeit, empathisch in Beziehung zu bleiben, auch wenn unser Gegenüber uns abweist, kritisiert oder sich verschließt.
In der EFT heißt das: Wir geben die emotionale Verbindung nicht auf, selbst wenn sie wackelt. Wir bleiben zugewandt, offen, präsent – mit einem mitfühlenden Herzen und einem klaren Fokus.

Sue Johnson schreibt:
“The therapist’s relentless empathy is the bridge that keeps connection alive when the storm hits.”
Die Empathie der Therapeutin ist die Brücke, die Verbindung hält, wenn der Sturm tobt.

Es ist also keine „nette“ oder weichgespülte Empathie, sondern eine aktive, beständige Haltung. Wir lassen uns vom Schmerz des anderen nicht abschrecken, sondern bleiben neugierig, zugewandt, haltend.

Warum das so entscheidend ist

In vielen Therapien und auch im Alltag geraten wir an Grenzen, wenn jemand uns mit abwehrenden Emotionen begegnet. Reaktive Wut, Scham oder Rückzug aktivieren oft unsere eigenen Schutzmuster: Wir machen dicht, erklären, verteidigen – oder wir wollen „helfen“, um das Unangenehme zu beenden.

Doch in der EFT wissen wir: Genau dort beginnt Heilung – an dem Punkt, wo jemand erlebt: Ich darf mit allem da sein, und du bleibst da.
Diese Erfahrung von beständiger Empathie verändert etwas tief im Nervensystem. Sie schafft Sicherheit, wo vorher Bedrohung war, und öffnet den Raum für neue emotionale Erfahrungen.

Bsp.: Wenn Empathie auf Abwehr trifft

Die Sitzung ist bereits in vollem Gange. Das Paar spricht über einen wiederkehrenden Konflikt:
Sie sehnt sich nach Nähe, er fühlt sich oft kritisiert und zieht sich zurück.

Heute ist die Stimmung angespannt. Als die Therapeutin spiegelt – ruhig, einladend:
„Ich spüre, wie sehr Sie sich nach Kontakt sehnen, und gleichzeitig wie viel Angst da ist, wieder enttäuscht zu werden“,

fährt die Klientin plötzlich dazwischen:
„Ach hören Sie auf mit diesem Psychokram! Sie verstehen mich sowieso nicht. Sie reden wie mein Mann – immer dieses ‚Angst‘, ‚Bedürfnis‘… Ich bin einfach nur wütend, okay?“

Der Raum ist elektrisch. Ihr Blick ist hart, die Stimme laut.

In solchen Momenten wird es spürbar, wie leicht sich ein:e Therapeut:in selbst zurückziehen könnte – innerlich oder äußerlich. Doch genau hier beginnt „relentless empathy“.

Die Therapeutin atmet tief durch, spürt ihre Füße auf dem Boden. Dann sagt sie mit ruhiger Stimme, ohne Verteidigung:
„Ich höre, wie wütend Sie sind – und dass es Sie richtig aufregt, wenn jemand versucht, Ihnen etwas zu über Ihre Gefühle zu erzählen. Vielleicht, weil Sie so oft das Gefühl hatten, nicht verstanden, sondern nur analysiert zu werden.“

Die Klientin zögert, ihr Blick flackert.
„Ja… genau. Immer dieses Gerede. Keiner hört einfach zu.“

Die Spannung fällt leicht ab. Ein Stück Vertrauen entsteht wieder.

Die Therapeutin bleibt präsent, klar und zugewandt:
„Das klingt so, als würden Sie sich wünschen, dass jemand einfach da ist – ohne Deutung, ohne Bewertung. Dass jemand Sie annimmt, so wie Sie gerade sind.“

Die Klientin nickt. Ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Was als Abwehr begann – ein Angriff auf die Therapeutin – wird zum Tor zu einem verletzlichen Moment. Nicht, weil die Therapeutin etwas „geschafft“ hat, sondern weil sie nicht aufgehört hat, empathisch verbunden zu bleiben, selbst als sie aktiv zurückgewiesen wurde.

Empathie als sichere Basis

Bindung braucht Sicherheit – und Sicherheit entsteht nicht durch perfekte Lösungen, sondern durch verlässliche emotionale Präsenz. Ein Therapeut/ eine Therapeutin, der/ die empathisch bleibt, auch wenn es schwierig wird, verkörpert diese Sicherheit. Er/ sie modelliert, dass es möglich ist, in Kontakt zu bleiben, selbst unter Druck.

Neurowissenschaftlich gesprochen: Ihr ruhiges, zugewandtes Nervensystem hilft, die Aktivierung des anderen zu regulieren.
Bindungstheoretisch gesprochen: Es entsteht secure base, ein sicherer Hafen.

Empathie bei Greenberg und Johnson

Sowohl Leslie Greenberg als auch Sue Johnson stellen Empathie ins Zentrum der therapeutischen Arbeit – doch sie betonen unterschiedliche Facetten.
Für Greenberg ist Empathie vor allem ein aktiver, prozessführender Zugang: Sie hilft, die emotionale Erfahrung präzise zu erfassen, zu benennen und zu transformieren. Empathie führt hier nach innen – sie ermöglicht dem Klienten, sich selbst auf einer tieferen Ebene zu verstehen und neue emotionale Bedeutungen zu erschließen.
Für Sue Johnson dagegen ist Empathie in erster Linie eine bindungsstiftende Haltung: eine Form von emotionaler Responsivität, die Sicherheit, Vertrauen und Verbindung schafft. Relentless empathy bedeutet, in Kontakt zu bleiben, auch wenn Schmerz oder Abwehr den Raum füllen. Empathie führt hier zurück in Beziehung – sie ist die Brücke, auf der Heilung geschieht.

Bedingungslos – aber nicht grenzenlos

Manchmal wird „relentless empathy“ mit „bedingungsloser Akzeptanz“ verwechselt. Aber es geht nicht darum, alles zu erlauben oder Konflikte zu vermeiden.
Es geht darum, empathisch verbunden zu bleiben, während man zugleich klar und sicher führt.

Diese Haltung sagt:
„Ich sehe deinen Schmerz. Ich halte dich darin. Und ich bleibe hier, auch wenn es schwer ist.“

Das ist die Stärke, die EFT so einzigartig macht: Mitgefühl, das nicht wankt – ein Herz, das offen bleibt.

Im Alltag

„Unerschütterliche Empathie“ ist nicht nur etwas für die Therapie. Wir alle können üben, in Beziehungen präsent zu bleiben, auch wenn Emotionen intensiv werden:
– Einen Moment innehalten, bevor wir reagieren.
– Wirklich zuhören, statt zu erklären.
– Das Gefühl hinter den Worten wahrnehmen.

Das ist gelebte, alltägliche EFT – und vielleicht die mutigste Form von Liebe.

Weiterführend

Wenn du mehr über die Haltung und Praxis der Emotionsfokussierten Therapie erfahren möchtest, findest du auf unserer Seite EFT-Ausbildungen & Zertifizierung alle Informationen zu Basistrainings (Externships), Aufbautrainings (Core Skills) und Supervision.
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